Jeremias Gotthelf - Kritiker und Prediger

Albert Bitzius - so lautete der richtige Name des Emmentaler Pfarrers, Lehrers
und Schriftstellers, der von 1797 bis 1854 lebte. Die unruhigen nachrevolutionären Jahre prägten den Sohn eines Pfarrers und Patriziers. Er fühlte sich eng mit dem Bauernstand verbunden. Während seiner Ausbildung und seiner Berufsjahre wurde er zum Bewunderer Pestalozzis und zum Kritiker der politischen und gesellschaftlichen Eliten.

Im Emmental engagierte er sich für die Volkschule und die Armen. Ab 1836 begann er seine Gedanken zu Papier zu bringen. Er betrachtete Literatur als Fortsetzung der Seelsorge mit andern Mitteln. Seine Feder verwendete er als Schwert, um gegen Moral und Zerfall der Sitten anzukämpfen. Sein Programm heisst: Arbeit als Grundlage eines gesunden Wohlstandes, Gottesfurcht, aber auch Kritik an Bosheit, Eigennutz, Geiz und Verschwendung.

Bei Gotthelf sind alle Fremden böse und alle Bösen fremd, die Guten hingegen stammen aus dem Emmental. Das ist auch in seiner Novelle „Die schwarze Spinne“ so. Christine, die den verhängnisvollen Pakt mit dem Teufel eingeht, kommt vom fernen Lindau am Bodensee, die brutalen Ritter sogar von noch weiter her. Fremde Fötzel eben. Ob sich Gotthelf dieser Problematik, um nicht zu sagen Ungeheuerlichkeit, bewusst war, wissen wir nicht. In unserer Inszenierung allerdings ist die Frage des Sündenbocks ganz zentral. Immer wieder werden in schwierigen Zeiten Schuldige gesucht, und wie oft sind es die Fremden, die Andersartigen!

Dass in unserer Inszenierung Christines Leiden musikalisch mit einem jüdischen Klagelied (Kol Nidrei von Max Bruch) verdeutlicht wird, ist daher nicht zufällig. Der Schluss von Alfred Bergers Dramatisierung des Stoffes weicht stark von der Gotthelfschen Novelle ab. Das hat uns sehr berührt. Wir haben versucht, die Rolle Christines im Schlussbild noch zu unterstreichen. Lassen Sie sich überraschen!